• Die wirksamste Waffe gegen Armut

    IPDs in Pakistan

    IPDs in einem pakistanischen Flüchtlingslager.

    Warum Freihandel und Migration Pakistan und anderen helfen können

    Legal – illegal – das spielt in Pakistan beim Thema Migration keine Rolle. Auch die Ursachen von Flucht oder Migration kommen meist nicht zur Debatte. Dabei hat Pakistan genügend Gründe darüber zu sprechen: Pakistan ist nach der Türkei das größten Aufnahmeland von Flüchtlingen – fast ausschließlich Afghanen, die der Bürgerkrieg seit 1978 über die Grenze getrieben hat. Ebenso weist das Land am Hindukusch mit die meisten Binnenflüchtlinge (internally displaced persons, IDPs) auf. Ob nun Erdbeben, Dürre, Flut oder Taliban, Militäroperationen oder religiöse Verfolgung: viele zieht es auf der Suche nach einem sichereren und besseren Leben in die Städte (wo es dann allerdings durch den Zuzug oft zu ethnischen Spannungen kommt). Wegen der Vielzahl der Ursachen steigt der Urbanisierungsgrad von 38,8% jährlich mit knapp drei Prozent rasant an (und die meisten dürften noch nicht einmal registriert sein).

    Sicherheitsdefizite und Armut treiben Menschen aus ihren angestammten Wohnorten.

    Sicherheitsdefizite und Armut treiben Menschen aus ihren angestammten Wohnorten.

    Zudem suchen acht Millionen Pakistani (3,6% der Bevölkerung) ihr Glück overseas, d.h. im Ausland. Der große Hype der Arbeitsmigration der 1960er und 70er im Aufbau der Golfstaaten ist zwar vorbei. Heutzutage werden dort mehr gut ausgebildete Kräfte benötigt, weniger jedoch einfache Arbeiter. Dennoch leben und arbeiten noch rund 1,5 Mio. in Saudi Arabien und noch einmal so viel in den Vereinigten Arabischen Emiraten und in anderen Golfstaaten. Manch einer verdingt sich in Ländern wie Malaysia oder kocht und putzt für US-Streitkräfte im Irak und Afghanistan. Aber auch die werden weniger. Insofern locken Australien, die USA und Europa – allen voran England mit ebenfalls 1,5 Mio. Menschen pakistanischer Herkunft. Da nimmt sich Deutschland mit 75.000 vorwiegend Urdu-Sprechern bescheiden aus. Wer es sich heute leisten kann, entweder einen Menschenschmuggler zu bezahlen (Kosten für Europa ca. 6–8.000 Euro) oder aufgrund von Herkunft ganz offiziell im Ausland zu studieren oder zu arbeiten kann, der tut es – egal ob legal oder illegal.

    Der ökonomische Nutzen

    Hoffnung auf eine bessere Zukunft - vor allem für junge Leute.

    Hoffnung auf eine bessere Zukunft – vor allem für junge Leute.

    Pakistan interessiert vor allem der ökonomische Nutzen. Vornehmlich – aber nicht ausschließlich – leben Entwicklungs- und Schwellenländer zu einem nicht unerheblichen Teil von Gastarbeiterüberweisungen. So strömten in 2013 rund 15 Milliarden US-Dollar von Gastarbeitern nach Pakistan – genauso viel wie auch Auslandsdeutsche nach Hause überwiesen. In der Realität dürfte die Summe für Pakistan noch höher sein, denn viel halten noch am islamischen hawala-System fest, bei dem Geldzahlungen über Vertrauenspersonen ohne Bank angewiesen werden (in Deutschland strafbar). Seit 9/11 wird weltweit versucht diese Ströme zwecks Verdachts der Terrorismusfinanzierung zu unterbinden. Die Nutzerzahl könnte jedoch wieder steigen, wenn die Gerüchte um eine zehnprozentige Steuer auf Gastarbeiterüberweisungen Wirklichkeit werden sollten. Für 2016 hat Finanzminister Ishaq Dar dies erst einmal ausgeschlossen. Allerdings ist die Bedeutung der remittances für Pakistan deutlich höher als für Deutschland: 37 Milliarden USD (2014) beträgt der gesamte Staatshaushalt (Deutschland 1,68 Billionen USD 2014). In anderen Worten: Auslandspakistani erwirtschaften das Äquivalent von annähernd dem halben Staatshaushalt.

    Darin sieht auch der Träger des Alfred-Nobel-Gedächtnispreises für Wirtschaft 2015 Angus Deaton den großen Vorteil von Migration. Der 69jährige forschte lange nach dem wirksamsten Mittel gegen Armut. In seinem 2013 veröffentlichten Buch „The Great Escape“ kommt er zu dem Schluss, dass Migration mehr noch als Freihandel besser als jede Entwicklungshilfe ist.

    Besser als Entwicklungshilfe

    Im Gegensatz zur Entwicklungshilfe, die bei Staat-zu-Staat-Transfers Regierungen unabhängig von Forderungen der eigenen Bürger macht, handeln Regierende mehr nach den Wünschen der eigenen Bevölkerung, wenn sie von deren Steuern abhängig sind (in Pakistan bislang jedoch nur indirekt). Auch durch direkte Hilfsleistungen wie dem Bau eines Krankenhauses erlauben Entwicklungsländern, sich von staatlichen Aufgaben zurückzuziehen. Insofern ist auch die Arbeit der politischen Stiftungen im Ausland im Sinne von Angus keine Entwicklungshilfe, sondern eine Zusammenarbeit, die Bürger durch politische Bildung die Artikulation ihrer Bedürfnisse besser ermöglicht und durch Institutionenbildung Zivilgesellschaft auf der einen Seite und staatliche Serviceleistungen für den Bürger stärkt.

    Die Ansprüche sind gering: Flüchtlingskinder stehen für Wasser an.

    Die Ansprüche sind gering: Flüchtlingskinder stehen für Wasser an.

    Da im Schnitt bei allen weltweiten Migrationsbewegungen rund die Hälfte zurückkehrt sieht der Deaton das Lernen und die Erfahrungen im Gastland als gute Voraussetzung für bessere Institutionenbildung nach Rückkehr ins Heimatland. Der geborene Schotte, der heute in Princeton lehrt, plädiert daher auch für Auslandsstipendien.

    Aufgrund der zumeist menschenunwürdigen Bedingungen von Flucht und Migration bedarf es jedoch eines Einwanderungsgesetzes. Und damit die positiven Effekte nach Rückkehr wirken können, müssen Migranten schnell in den Arbeitsmarkt integriert werden. Auch ihre (Fort-)Bildung sollte uns am Herzen – für die Entfaltung der Wirkung nach Rückkehr und erst recht im Falle des Bleibens. Allerdings suchen sich viele Migranten die sowieso nicht in Deutschland, denn Bildung gibt’s besser anderswo: Die meisten pakistanischen Auslandsstudenten finden sich in England und den USA.


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