• Ohne Morgenland kein Abendland

    Warum Islam zu Deutschland gehört

    Orientalischer Schick war einst Mode in Deutschland: Dampfmaschinenbaus, Potsdam.

    Orientalischer Schick war einst Mode in Deutschland: Dampfmaschinenbaus, Potsdam.

    „Was wollen Sie denn damit anfangen?“ Diese Frage hat sich mir eingebrannt; nicht nur, weil sie – wenn einem etwas wichtig ist – verletzend ist (das werden viele kennen), sondern weil sie tausendfach gestellt wurde. Tausendfach ist keine Übertreibung. Als taxifahrender Student wurde sie mir wohl von jedem zweiten Kunden gestellt. Bei im Schnitt 25 Kunden pro Schicht macht das zwölf Mal pro Nacht. Bei drei Schichten pro Woche 36, bei 44 Wochen (zwei Monate Praktikum im Jahr) 1.584 im Jahr, bei mehreren Jahren Studium… Vor 20 Jahren waren Islamwissenschaften eine Seltenheit. Bis auf ein paar Experten konnte niemand etwas damit anfangen – und erst recht keine Notwendigkeit darin entdecken. Mit 9/11 wuchs der Bedarf über Nacht. Islamwissenschaftler wurden in den Medien gebraucht, beim Verfassungsschutz, in Think Tanks, im Auswärtigen Amt… Mit ein paar hundert war es aber immer noch eine Nische. Aber es war plötzlich ein vergleichsweise großer Bedarf vorhanden.

     

    Millionen deutscher Islam-Experten

    Heute würde ich es nicht noch einmal studieren. Warum? Inzwischen gibt es Millionen von Islamwissenschaftlern in Deutschland – die meisten allerdings selbsterklärt und ohne Studium. Wir haben Millionen von „Experten“, die lautstark zur Debatte beitragen, ob der Islam zu Deutschland gehöre. Sie kennen den „Moslem“. Sie wissen, was im Koran steht (ich wusste gar nicht, dass wir so viele Deutsche mit Arabischkenntnissen haben, denn Übersetzungen sind verfälschend). Sie sind im Besitz intimster Kenntnisse über die islamischen Länder – sie waren ja mal „dort“ (meinen damit aber den Club-Urlaub in Antalya oder Agadir).

     

    Islam gehört zu Deutschland

    Das Recht zur Debatte beizutragen, ob der Islam zu Deutschland gehöre, hat natürlich jeder. Aber sie ist eine sinnlose, Debatte, eine nutzlose. Sie ist Zeitverschwendung. Das Grundgesetz garantiert Religionsfreiheit. Punkt. Und noch ein Ausrufezeichen dazu! Damit gehört jede Religion, der deutsche Bürger anhängen, zu Deutschland. Wer behauptet, dass der Islam nicht wie jede andere Religion erlaubt ist, wer sagt, dass Muslime hier nicht ebenso willkommen sind wie Menschen mit anderen Glaubensbekenntnissen, der hat den Boden des Grundgesetzes verlassen. Das Grundgesetz garantiert Gleichheit. Das Grundgesetz garantiert Religionsfreiheit. Punkt. Und noch ein Ausrufezeichen!

     

    Wer bekennt sich zum Grundgesetz

    Interessanterweise fordern immer wieder einige Konservative- und vor allem PEGIDA-Anhänger -, dass „die Muslime“ sich zum Grundgesetz bekennen sollen. Eine Verfassung, die sie ja selbst durch das Statement ignorieren, dass der Islam nicht zu Deutschland gehöre (siehe oben). Einmal abgesehen davon, dass nie jemand von einwandernden Christen, Juden oder Buddhisten das Verfassungsbekenntnis verlangt (ja, auch dort gibt es extremistische Strömungen, die Hass und Gewalt predigen), setzt dies ein Nationalitätsverständnis voraus, dass auf einem Verfassungsbekenntnis beruht. Wir haben das ius sanguinis (Nationalität aufgrund von Abstammung) zum Teil aufgegeben, das ius solis (Nationalität aufgrund von Geburt in einem Staat) nie gehabt, sondern jetzt das ius constitutionis (Nationalität aufgrund von Verfassungsbekenntnis) – genauer gesagt das ius sanguinis cum constituione, also die deutsche Nationalität qua Abstammung aber auch qua Zuwanderung mit Verfassungsbekenntnis.

    „Gott sei Dank!“, sollten jetzt all jene rufen, die den Boden der Verfassung schon verlassen, aber immer noch in Deutschland sind und noch einen deutschen Pass haben, dass das Verfassungsbekenntnis nur von Zuwanderern gefordert wird, nicht aber von „Abgestammten“. Denn was sollten wir denn mit „abgestammten“ Deutschen ohne Verfassungsbekenntnis sonst tun? Wohin abschieben? Und nicht nur das Verfassungsbekenntnis, sondern auch die Integrationsprüfung in Verbindung mit dem Sprachtest wäre ein weitere Hürde: Nach eigener Schätzung würde ein Drittel aller „Abgestammten“ dabei durchfallen.

     

    Neue Überlebensstrategien erlernen

    Sicherlich wird ein guter Teil der Zuwanderer und Flüchtlingen erst einmal nicht Deutsch sprechen, nicht die deutsche Verfassung kennen und auch nicht das kulturelle Gedächtnis eines Deutschen haben. Das kann und darf niemand erwarten. In den meisten Heimatländern heißt das kulturelle Gedächtnis oftmals Feudalgesellschaft und Diktatur, oft gemischt mit Erfahrung kolonialer Besatzung. Je nach Herkunftsland wird demnach auch nicht die Gesellschaft, jetzt also die deutsche Gesellschaft, im Fokus des Interesses stehen, sondern die Familie, der Stamm, das Überleben. Auseinandersetzungen, Feindschaften, Versuche, das „System“ bestmöglich auszunutzen, werden manche mitbringen, weil diese bisher zu ihrer erfolgreichen Überlebensstrategien in den Heimatländern zählten. Das werden sie nicht über Nacht ablegen. Aber sie werden lernfähig sein, wenn wir das Einhalten der Regeln durchsetzen – lernfähiger als manch „Abgestammter“ hinsichtlich der Verfassung.

     

    Kulturelles Gedächtnis?

    Deutscher Krönungsmantel mit arabischer Schrift.

    Deutscher Krönungsmantel mit arabischer Schrift.

    Aber auch PEGIDA-Anhänger scheinen nicht das kulturelle Gedächtnis eines Deutschen zu haben, wenn sie „gegen die Islamisierung des Abendlandes“ zu Felde ziehen. Nicht nur ist das „Abendland“ auf dem heutigen Stand seiner Zivilisation, weil es das Morgenland gibt. Es bedingt nicht nur logisch einander – ohne Morgenland kein Abendland -, sondern auch in der befruchtenden Auseinandersetzung in der geschichtlichen Entwicklung. Seit Deutschland existiert, seit Reichsgründung 1870/71, waren diese Einflüssen und Beziehungen längst etabliert. Die Verdienste arabisch-islamischer Zivilisation für Europa füllen ganze Bücher und können hier gar nicht aufgezählt werden.

    Nur zwei Aspekte sollen erwähnt sein: Diese „Tradition“ des kulturellen Austausches, der gegenseitigen Befruchtung (sie ist es leider nicht durchgängig gewesen) begann schon zu Wikingerzeiten oder gar früher. Herausragend und dokumentiert, ist der Stauferkaiser Friedrich II., der nicht nur fließend Arabisch sprach, weil er in Sizilien aufwuchs, sondern der vor allem im intellektuellen Austausch mit islamischen Herrschern stand und von diesen lernen wollte. Dieses Lernen hat zu positiven Veränderungen, zu Weiterentwicklung zu unserem Wohle geführt. Übrigens der Krönungsmantel, ja der Mantel des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation aus dem 12. Jahrhundert, ist in Arabisch bestickt und besitzt eine islamisch stilisierte Ornamentik. Anscheinend fürchteten sich die Kaiser damals nicht vor der Islamisierung des Abendlandes, sondern fanden Gefallen an der weiterentwickelten Formensprache und der Kalligraphie – von den importierten Materialien wie Seide einmal abgesehen.

     

    Deutsche Willkommenskultur

    Wuensdorf_Holzmoschee

    Holzmoschee im sog. „Halbmondlager, Zossen.

    Der andere Aspekt ist die „Willkommenskultur“ als deutsche Tradition: Ob Hugenotten aus Frankreich oder polnische Katholiken und viele andere, sie waren willkommen, trugen wirtschaftlich und kulturell zu unserem Leben bei und integrierten sich. Hinsichtlich der Integration sollten wir nicht ungeduldig sein: Historikern zufolge dauert dieser Prozess ca. 100 Jahre, bis keine Kulturvereine das Mitgebrachte mehr bewahren wollen, Mischehen nicht mehr als solche angesehen werden, nicht mehr in Heimaturlaube verreist werden kann, weil man ja schon in der Heimat lebt. Dabei haben Einwanderer sich nicht selbst aufgegeben, sondern das Mitgebrachte geht in einem Hybrid auf, das dann von allen als die „neue“ Mehrheitskultur angesehen wird, ohne als „neu“ oder „fremd“ empfunden zu werden. Als simple Beispiele sei angeführt, dass heute Döner und Latte Macchiatto aus Deutschland ebensowenig wegzudenken sind wie Straßencafés und –restaurants. Wo es doch noch in den 1960ern und 1970ern als unschick galt, auf der Straße zu essen. Dafür müssen wir Einwanderern aber auch ihr Recht zugestehen, die eigene Kultur – inkl. Religion – zu leben und bewahren zu wollen. So war es für Friedrich I. (1713-1740) selbstverständlich, dass er 1739 für seine 20 Muslime unter den „Langen Kerls“ eine Moschee in der Nähe der Potsdamer Garnisonskirche herrichten ließ. Friedrich Wilhelm III. veranlasste 1798 den ersten islamischen Friedhof anlässlich des Todes eines osmanischen Gesandten. Während des I. Weltkrieges wurde wiederum für muslimische Kriegsgefangene im sog. „Halbmondlager“ bei Zossen eine Holzmoschee errichtet. Für „starke“, aufgeklärte deutsche Herrscher war dieser entgegenbrachte Respekt eine Selbstverständlichkeit – offenbar jedoch nicht für verängstigte deutsche „Wutbürger“ mit Lücken im kulturellen Gedächtnis.

     

    Deutsche Mitverantwortung

    Wahrscheinlich gehört es nicht zum Kanon des kulturellen Gedächtnisses eines Deutschen: Aber Deutschland trägt mit anderen westlichen Staaten Mitverantwortung für das Aufkommen von Flüchtlingen. Ob nun das Hineinziehen des Osmanischen Reiches in den Ersten Weltkrieg und das deutsche, diplomatische Drängen des Sultans, Muslime zum jihad – indirekt für Deutschland – aufzurufen, oder die Neuordnung des Mittleren Ostens als Folge des von Deutschland begonnen II. Weltkriegs. Zur Stärkung des Kampfgeistes ihrer muslimischen Hilfstruppen bildete Deutschland im II. Weltkrieg Imame aus. Auch den Hass von Muslimen auf Juden (immanenter Bestand des Nahostkonflikts) schürten die Nazis in dieser Zeit sehr effizient. Kein islamisches Land hat sich nach dem Zweiten Weltkrieg je kritisch damit auseinandergesetzt, sondern dieses von Deutschen geschaffene Narrativ perpetuiert bis heute. Dies entbindet natürlich islamische Länder nicht von der eigenen Verantwortung – aber eben auch uns nicht.

     

    Deutsche wünschen Jihad

    Im Kalten Krieg trug der Westen proaktiv zur Radikalisierung von Muslimen gegen die Sowjetunion in Afghanistan bei – von Geld, Waffen, Ausbildung bis hin zum Drucken von jihad-Propaganda [sic]. Danach war für uns der mujahid, der gepriesene „Freiheitskämpfer“ (so die damalige Übersetzung), plötzlich ein Terrorist (so die heutige Übersetzung desselben Wortes). Nachdem die von uns (mit-)radikalisierten Muslime ihre Schuldigkeit getan hatten, kehrten viele der damals sog. „Afghanen“ (also Muslime aus allen Ländern, die in Afghanistan gekämpft hatten) in ihre Heimatländer zurück – und mit ihnen das mind set eines extremistischen Islams. Die Folgen kennen wir. Nur dürfen wir uns nicht rausreden, wir hätten damit nichts zu tun. Der jihad-Islam ist wie wir im Westen seit mindestens dem ersten Weltkrieg bis zum Ende des Kalten Krieges „den Islam“ haben wollten – in der idiotischen Annahme, dass er trotz einer globalisierten Welt nur „dort“ bleiben werde. Jetzt wollen wir „den Islam“ nicht mehr so haben, sondern integrationsfähig und grundgesetzkonform – und vor allem wollen wir ihn nicht hier haben, sondern er soll „dort draußen“ bleiben. Das ist paradox, denn wir haben dazu beigetragen, dass die Voraussetzungen für ein „Dort“-bleiben nicht mehr gegeben sind.

     

    Schädlicher Einfluss

    Äußere Einflüsse kann niemand ausblenden – erst recht nicht in einer globalisierten Welt. Deutschland zu einem Nordkorea oder einem Albanien eines Enver Hoxha zu machen, erscheint weder wünschenswert, geschweige denn möglich. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass sich Deutschland graduell ändern wird. Genau davor scheinen PEGIDA-Anhänger Angst zu haben. Die Angst vor dem Unbekannten (obschon sie ja eigentlich alle den Islam zu kennen vorgeben) ist natürlich. Aber dabei ist wichtig zu verstehen, dass erstens Veränderungen kommen werden die nicht aufzuhalten sind. Ohne Veränderungen würden „wir Germanen“ immer noch in Fellen in riesigen Mischwäldern um Holzfeuer sitzen und den mit Holzspeer erlegten Hirsch grillen. Ohne Einflüsse aus dem Morgenland wäre dieses Land nicht weitgehend christlich. Ohne arabisch-islamische Wissenschaften könnten wir nicht rechnen, nichts konstruieren, nicht philosophieren. Der wohl einzig schädliche Einfluss aus dem Morgenland, der zudem einem Teil der PEGIDA-Anhänger am meisten zu Kopf steigt, ist die arabische Erfindung der Destillation und des al-kuhul (arabisches Ursprungsort für Alkohol).

     

    Positive Anreize schaffen

    Zweitens bieten Veränderungen Chancen – wenn wir sie konstruktiv mitgestalten. Das heißt, die Veränderungen verstehen, Chancen erkennen. Dazu brauchen wir ein Einwanderungsgesetz und eine schnelle Integration in den Arbeitsmarkt. Während ein guter Teil der deutschen Studenten heutzutage vom Angestelltendasein träumt, gründen überproportional viele Ausländer (rund 4 von 10 Gründern) Unternehmen. Sie zahlen die Steuern (um Staatsangestellte zu zahlen) und finanzieren das Rentensystem mit. Auf der anderen Seite müssen wir klar machen, was rechtlich erlaubt ist und was die Regeln des gesellschaftlichen Umgangs miteinander sind (am besten den PEGIDA-Anhängern gleich mit). Verbote funktionieren jedoch nicht, ohne zugleich positiv zu motivieren und Perspektiven zu geben. Wir müssen positive, perspektivische Anreize setzen – und die kosten nicht einmal Geld: In Amerika heißt dies pursuit of happiness. Wer will, motiviert ist und etwas leistet, kann es dann in Deutschland nicht nur zu Geld, sondern auch zu Akzeptanz und Anerkennung bringen. Das ist die Kultur, die willkommen heißt und willkommen ist.


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