• Solange es gegen andere geht

    Belohnung für Attentäter

    Mit Bestürzung, Fassungslosigkeit und Unverständnis nehmen Medienkonsumenten im Westen erneut Nachrichten aus Pakistan zur Kenntnis: Der ehemalige Eisenbahnminister und jetzige Parlamentsabgeordnete Ghulam Ahmad Bilour kündigte an, die Angehörigen der Attentäter vom 7. Januar in Paris unterstützen zu wollen. Das Geld soll von seinem ausgelobten, aber nicht ausgezahlten Kopfgeld auf die Macher eines dezidiert anti-Islam-Filmes kommen. Im September 2012 hatte Bilour 100.000 USD Belohnung versprochen für etwaige Mörder versprochen. Zudem will er nun demjenigen 200.000 USD zahlen, der die Eigentümer der französischen Satirezeitschrift Charlie Hebdo ermordet.

    Während die meisten westlichen Gesellschaften die Anschläge in Paris als Angriff auf die westliche Zivilisation und ihre Lebensform einer offenen Gesellschaft verstehen, empfinden insbesondere radikale Muslime die westlichen Reaktionen darauf, nämlich Demonstrationen der Toleranz, Verteidigung der Rede- und Pressefreiheit sowie die Veröffentlichung älterer und jetzt neu geschaffener Cartoons als Angriff, Beleidigung und Beschimpfung von allen, was ihnen selbst heilig ist: ihre Lebensform, ihre Religion und ihren Propheten. Für viele kann Rede- und Meinungsfreiheit nicht so hoch bewertet werde wie das, was sakrosankt ist – die Religion.

    Die meisten Muslime in Pakistan schluckten dies dennoch ohne zu Murren runter, da sie sensibel genug für die Stimmung im Rest der Welt waren. Nichtsdestotrotz protestierte eine große Anzahl vor allem in den großen Städten Islamabad, Lahore und Karachi gegen diese erneuten Beleidigungen ihrer religiösen Gefühle durch die Veröffentlichung neuer Cartoons. Auch dies wäre sogar konstruktiv zu nennen in der Kommunikation zwischen Kulturen – ein Ausloten von Gemeinsamkeiten und Trennenden verschiedener Lebensformen, solange sie eben friedlich verläuft.

    Identifikation mit Terroristen

    Doch verlief sie konfrontativ und Gräben vertiefend: „Wenn Du Charlie bist, bin ich Kouachi!“ war auf manchen Plakaten zu sehen. Charif und Said Kouachi hießen die beiden Angreifer, die angeblich al-Qaida entsandt hatte. Somit ging es nicht nur um Proteste gegen bestimmte Zeichnungen, sondern um eine klare Positionierung auf Seiten der Angreifer, ein Sympathisieren – mehr noch ein Identifizieren mit Extremisten und Mördern. Für diese sprachen Protestler auch Grabgebete gesprochen.

    Dies passiert nicht zum ersten Mal: Nach der Tötung Usama b. Ladins durch US-Spezialkräfte machten sich Pakistani ihrer Wut Luft und viele auch gemäßigte Pakistani inkl. ein großer Teil der pakistanischen Medien lobpreisten den Mörder des Gouverneurs Salman Taseer, da dieser aus einem islamistischen Extremismus heraus gehandelt hatte.

    Bei den Anti-Charlie-Hebdo-Protesten sind neben den zu erwartenden islamistischen Parteien und Organisationen auch die Pakistan Tehreek-e Insaf (PTI), also Partei des Ex-Cricket-Spielers Imran Khan und die Parlament vertretene Jamaat-e Islami. Sie marschieren sozusagen Schulter an Schulter mit offiziell verbotenen Terrororganisationen wie die Jamaat du-Dawa.

    Mangel an Rechtsstaatlichkeit

    Während die pakistanische Regierung offiziell die Anschläge von Paris verurteilt hat, läßt sie gleichzeitig Hassreden, Hetzen und Mordaufrufe aus eigenen Reihen wie den von Ghulam Bilour weiter zu und unternimmt nichts gegen verbotene Terrororganisationen, die sich die Zerstörung des Staates Pakistan auf die Fahnen geschrieben haben. Das ist die Geisteswelt, in der extremistische Gruppen weiter gedeihen können, sich im gegenseitigen Konkurrenzkampf weiter radikalisieren können und den Staat weiter von innen aushöhlen können.

    Daran hat offenbar auch der Schul-Anschlag von Peschwar nichts geändert. Solange es gegen andere geht, wie den Westen, gegen Indien, Israel oder auch religiöse und sexuelle Minderheiten etc. lässt die Regierung sie offenbar immer noch gewähren und merkt nicht, dass es dieselbe Geisteshaltung, dieselben Gruppierungen und dieselben Geldgeber sind, die gleichzeitig das Land von innen heraus zerstören. Bilour ist dabei nur einzelnes Abziehbild eines ganzen Sammelheftes.


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